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I N F O
und die Presse in Echtzeit auf dem Laufenden gehal-
ten, als sich die Stadt im kompletten Ausnahmezu-
stand befand. Er wurde zum Sprachrohr der Mün-
chner Polizei, strahlte in der Zeit des totalen Chaos
Ruhe aus und informierte sachlich über das, was
seine Kolleginnen und Kollegen wussten. Er berich-
tet davon, dass es aufgrund der sozialen Netzwerke
wie Facebook und Messenger-Diensten wie
WhatsApp zu einer Kaskade von Falschmeldungen
kam, die die Polizeiarbeit zum Teil erschwert haben.
Neben dem einen realen Tatort am Olympia Ein-
kaufszentrum gab es an diesem Tag 73 gemeldete
„Phantom-Tatorte“ über die ganze Stadt verteilt.
Noch heute sind seine Kolleginnen und Kollegen
mit der Aufarbeitung dieses Tages beschäftigt.
Welche Rolle nimmt der Jugendschutz
ein?
Wie wichtig der Jugendschutz bei der Darstellung
realer Gewalt in den Medien ist, darüber referieren
Birgit Braml, Leiterin des Referats Grundsatzfragen
Jugend- und Nutzerschutz bei der BLM, und Sonja
Schwendner, BLM-Referatsleiterin für inhaltlichen
Jugendschutz und Prävention. Bei der Einordnung
von Medieninhalten ist stets eine Abwägung zwi-
schen Jugendschutz und Presse- und Meinungsfrei-
heit zu treffen. Bei Nachrichtenformaten, die sich an
Erwachsene richten, ist immer mit Inhalten zu rech-
nen, die auf Kinder und Jugendliche nachhaltig ver-
unsichernd und verängstigend wirken. Die Referen-
tinnen weisen erneut darauf hin, wie wichtig es sei,
Kinder mit solchen Bildern nicht alleine zu lassen.
Wie wirken Nachrichten auf Kinder?
Wie diese und andere Nachrichten auf Kinder wir-
ken, darüber referiert Prof. Dr. Frank Schwab von
der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er
macht deutlich, dass Kindern noch der „Distanzie-
rungsmechanismus“ für Nachrichtensendungen
fehlt, da Medienkompetenz erst im Laufe des Lebens
erlernt wird. Kinder können Nachrichten und ihre
Bilder noch nicht so gezielt einordnen wie Erwach-
sene. Bei ihnen steigt mit jeder Schreckensmeldung
(noch stärker als bei Erwachsenen) die Angst, auch
in so eine Situation zu geraten. Dabei gilt, je stärker
– also brutaler – die Bilder sind, umso stärker ist die
ausgelöste Angst.
Er macht deutlich, wie sehr Kinder auf das Rezepti-
onsverhalten ihrer Eltern reagieren. Sind diese ruhig
und hören sich die Nachrichten gefasst an, so sind
auch die Kinder nicht so sehr verunsichert, wie
wenn die Eltern vor dem Fernsehgerät in Panik ver-
fallen. Er rät deshalb dazu, sich die Nachrichten
möglichst sachlich und ohne zusätzliche Spekulatio-
nen anzusehen.
Wie sollen Eltern mit ihren Kindern über
Nachrichten sprechen?
Dr. Maya Götz, die Leiterin des Internationalen Zen-
tralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen
beim Bayerischen Rundfunk (IZI) macht klar, dass es
utopisch ist, Kinder von schrecklichen Nachrichten
fernzuhalten: Kinder sind informiert, sei es über
Nachrichtenfetzen aus dem Fernseher oder dem
Radio, Schlagzeilen der Zeitungen oder Gespräche
unter den Klassenkameraden. Kinder haben jedoch
eher „Wissenshügel“ und kein fundiertes Wissen
über bestimmte Sachverhalte. Deshalb sind klä-
rende Gespräche wichtig, in denen Kinder Fakten
ohne zusätzliche Emotionalisierung und Dramatisie-
rung bekommen, die sie beruhigen und ihnen dabei
helfen, die Dinge einzuordnen und die Gefahren ein-
zuschätzen. Kinder können sich in kindgerechten
Nachrichtenformaten wie „logo!“ oder „neunein-
halb“ informieren.
In der anschließenden Podiumsdiskussion zwischen
Lehrern, Eltern und Medienpädagogen wird erneut
betont, wie wichtig es ist, den Blick von Kindern
ernst zu nehmen. Der Ruf nach zusätzlichen Nach-
richtensendungen (neben „logo!“ von ZDF und KiKA
und „neuneinhalb“ der ARD) wird laut, denn Kinder
wollen genaue Informationen, wollen Faktenwissen
kindgerecht zu sehen bekommen. Vorgefertigte Lö-
sungen, wie man mit Kindern über Krisen spricht,
gibt es nach Ansicht aller Beteiligten nicht. Wichtig
ist in jedem Fall der individuelle Gesprächsbedarf,
bei dem Eltern auch an ihre eigenen Grenzen kom-
men werden. Denn wer weiß schon eine zufrieden-
stellende Antwort darauf, warum sich Menschen
gegenseitig so viel Leid antun, warum jemand un-
schuldige Kinder tötet?
Ein Artikel der Autorin mit Hinweisen, wie Eltern mit
Kindern über schlimme Nachrichten sprechen kön-
MITTEILUNGSBLATT
02-2017